Auroville und Pondicherry

Bevor es wieder zurück nach Nordindien und in Richtung Berge geht, verbringe ich etwas Zeit an der indischen Ostküste. Für drei Wochen bin ich in der Gegend um Pondicherry und wohne dort bei einem Fotografen. Ich besuche auch Auroville, die Stadt mit mächtiger, goldener Kugel in der Mitte.

 

In Front of the Matrimandir in Auroville
Der Matrimandir markiert das Zentrum des experimentellen Townships und steht für “Human Unity”, also die Einheit der Menschheit

Auroville scheint etwas Besonderes zu sein: Das “Gold” steckt schon im Namen, in der Mitte des experimentellen Townships, das vor kurzem seinen 50. Geburtstag gefeiert hat, ist der “Matrimandir” ein großes, goldenes Gebäude, das die Einheit der Menschheit symbolisieren soll und als Meditationszentrum dient.

Allgemein leben dort Menschen verschiedenster Nationalitäten zusammen, es gibt ein Konzept von Religionslosigkeit und die Stadt beansprucht für sich, die Zukunft der Menschheit zu markieren. Tatsächlich spielen Spiritualität, Kultur und Umwelt eine große Rolle in Auroville. Was mal Brachland war, ist jetzt bewaldet und grün, es gibt eine Vielzahl an Farmen, die es ernst meinen mit Nachhaltigkeit. Die größte der Farmen, Sadhana Forest, beschäftigt 60-70 Volontäre. Jede Woche findet eine Vielzahl an Workshops zu Yoga, Meditation oder mit sozialem Inhalt statt. Ein bisschen hat man einen Eindruck von Utopia, wenn man über die roten Sandpisten fährt und moderne Architektur und Glasgebäude sieht.

With Kids on Bike in New Creation, Auroville
Während meiner Zeit in Auroville lerne ich eine Schule für Abendbetreuung kennen, wo ich den Kindern für eine Woche bei den Englisch- und Mathe-Hausaufgaben helfen kann. Natürlich wollten sie auch auf dem Motorrad sitzen

Sprichwörtlich ist nicht alles Gold, was glänzt und auch in Auroville gibt es politische Diskussionen; es gibt einen länglichen Aufnahmeprozess, mit dem manche unzufrieden sind. Natürlich machen es Geschichten über Verbrechen an diesem “Platz ohne Gesetz” in die Schlagzeilen. Die Realität liegt wahrscheinlich irgendwo zwischen Utopia und Animal Farm — in jedem Fall ist es beeindruckend, was dort erschaffen wurde und die “Aurovillians”, die ich kennen lerne, wirken frei und zufrieden.

 

Auch die Stadt Pondicherry, die ehemals größte französische Kolonie Indiens, wirkt einzigartig. Durch die Straßen von “White Town” zu fahren fühlt sich so an, als hätte man Indien für einen Moment verlassen: Kolonialarchitektur, Restaurants, Bäckereien und eine Strandpromenade prägen das Stadtbild.

Als ich dort ankomme, treffe ich mich mit Andreas, der mich zu sich eingeladen hat und als deutscher Fotograf in Indien wohnt. Als ich am Gandhi-Denkmal an der Strandpromenade ankomme, holt er mich standesgemäß mit einer Royal Enfield “Bullet” ab, die die Schaltung auf der rechten Seite hat, dank Meeresluft mit Flugrost überzogen ist und nach seiner Aussage öfter mal in die Werkstatt muss.

Royal Enfield Workshop in Pondicherry
Gemeinsam mit Amirtharaj warten wir auf Andreas Motorrad in der Royal-Enfield-Werkstatt von Felix, der immer volles Haus hat und sich freut, eine BMW vor seinem Tor zu sehen

Andreas hat neben mir noch Amirtharaj zu Besuch, ein Fotograf aus Chennai. Es ist angenehm, abseits von Sightseeing ein “normales” Leben zu führen, mit den beiden essen zu gehen, Freunden vorgestellt zu werden, Andreas beim anstehenden Umzug zu helfen. Als kleines Projekt während dieser Zeit machen wir einige Fotos mit Motorrad vor verschiedenen Szenerien.

Group Picture after Photo Shoot in White Town
Mit Andreas, Krunal und Freunden nach einem Fotoshoot in Pondicherrys White Town

An einem Tag kommt Amirtharaj auf mich zu: Er hätte mit einer ihm bekannten Reporterin gesprochen, die für “The Hindu” arbeitet, eine große, englischsprachige Tageszeitung, die auch in Pondicherry angesiedelt ist. Er hätte von mir erzählt, sie hätte meine Geschichte interessant gefunden und wäre an einem Interview interessiert. Mitte der Woche sagt er, dass bereits in der Samstagsausgabe ein Artikel über mich veröffentlicht werden könnte. Gesagt, getan? Bis zum Ende der Woche höre ich nichts. Wenn ich etwas in Indien gelernt habe, ist es, dass man zwar tendenziell zu seinem Wort steht, aber nicht unbedingt zum angekündigten Zeitpunkt. Es ist also Geduld gefragt. In diesem Fall werde ich Pondicherry wohl schon verlassen haben, bis sich jemand meldet. Am Freitagmorgen bekomme ich aber doch einen Anruf, ob wir heute (baldmöglichst) ein Interview machen könnten — wir treffen uns also in White Town.

Als ich auf die Reporterin warte, stehen ein paar Tuktuk-Fahrer um mich herum, die mir Fragen zum Motorrad (in Indien meist in der Reihenfolge: Preis, Verbrauch, Hubraum, Höchstgeschwindigkeit) stellen. Der Social Proof ist also schon mal auf meiner Seite. Senthalir, die Reporterin bringt einen Fotografen mit, der sogleich ein paar Bilder von mir und dem Motorrad macht. Wir unterhalten uns über meinen Hintergrund, einen typischen Tagesablauf während meiner Reise (den es wahrscheinlich nicht gibt) und meine Erfahrungen im Mittleren Osten. In dem Artikel, der tatsächlich am nächsten Tag auf Seite zwei abgedruckt ist, ist eine der ersten Informationen im Artikel erwartungsgemäß auch der Preis des Motorrads, umgerechnet in Rupies.

Newspaper Article about Michael in The Hindu
Der Zeitungsartikel, welcher in “The Hindu” abgedruckt wurde

An diesem Tag werde ich von verschiedenen Leuten angesprochen, die mich in der Zeitung gesehen haben; ich bekomme Kontaktanfragen und gute Wünsche über Facebook. Eine Freundin aus Auroville, die den Artikel sieht, lacht über das Foto: Das sei so sehr Bollywood!

 

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