Überwintern in Südindien

Mein ursprüngliches Ziel, nämlich von Deutschland bis an die indische Westküste nach Goa zu fahren (Die Route), habe ich erreicht. Ich gönne mir also erst mal eine Auszeit von der ganzen Fahrerei und bewege mein Motorrad eher in einstelligen täglichen Etappen. Danach soll es noch weiter in Richtung Süden gehen, in die Staaten Kerala und Tamil Nadu.

 

Goa ist vielmehr ein Bundesland (wenn auch das kleinste in Indien) denn eine Stadt, und um von den nördlichsten zu den südlichsten Stränden zu kommen, kann man gut drei Stunden auf der Straße verbringen. Die Strände im Norden sind eher für eine Hippie- und Partykultur bekannt und werden von der Vasco-Halbinsel von den südlichen Stränden getrennt, die ruhiger und noch schöner sind. Goa könnte man insgesamt auch als “Indien light” bezeichnen, alles ist etwas weniger hektisch und man ist unter deutlich mehr Ausländern ist als anderswo im Land.

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Palolem Beach an Silvester

Freunde machen sich berechtigterweise Gedanken, ob ich wohl dort “hängen bleiben” würde. Bei den ganzen Stränden, Tagestemperaturen, die den ganzen Winter um die 30 °C liegen, nicht zu hoher Luftfeuchtigkeit, blauem Himmel, leckerem, günstigem Essen und freundlichen Einheimischen ist es nicht verwunderlich, dass manche Reisende dort Monate verbringen, jedes Jahr dort überwintern oder gar dauerhaft dort bleiben.

Vom Inland kommend schlage ich zunächst in Palolem Beach auf, einer der schöneren Strände im Süden Goas. Dort hat ein Freund, den ich auf meiner ersten Indienreise kennen gelernt habe, ein Hostel eröffnet. Nachdem ich mich angekündigt habe, erwartet er mich natürlich und als ich auf den Hof fahre, wird mir klar, dass man sich wahrscheinlich an vielen Orten auf dieser Welt zuhause fühlen kann.

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Rainbow-Lining-Hostel in Palolem Beach
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Mit Vinu vom Rainbow-Lining-Hostel

So langsam ist es nun an der Zeit, mir Gedanken zu machen, wie es auf meiner eigenen Reise weitergeht. Nach einem Zwischenfall mit einem Radfahrer (Link) und anderen Wehwehchen wie Getriebegeräuschen, die sich bei der BMW nach Passieren der 80.000er Marke bemerkbar machen, ist mir erst mal nicht nach Weiterfahren zumute.

Wozu auch? Ich habe es nach Indien geschafft, habe unterwegs neue Länder kennen gelernt, bleibende Erfahrungen gemacht und viele tolle Menschen kennen gelernt. Andererseits… wenn ich es bis hierhin geschafft habe, kann ich vielleicht auch noch ein Stück weiter fahren: Es ist wie bei Forrest Gump. In jedem Fall habe ich mit einem Jahresvisum und mitten im Winter keinen Grund, Indien schnell zu verlassen und plane deshalb, noch etwas im Süden zu bleiben.

 

Nach ein paar Tagen im Süden Goas möchte auch den Norden erkunden, ich mache mich also auf den Weg nach Arambol und schlage dort in einem Hostel auf, wo man wahrscheinlich das Maximum an Hippie-Kultur bekommt, das man in Goa heutzutage noch finden kann.

Das Konzept des “No-Name-Hostels” basiert auf der Arbeit von Volontären und Crowdfunding. Durch gemeinsame Essen, Workshops und die ganze Atmosphäre entsteht schnell ein Gefühl, zu einer großen Familie zu gehören.

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“No-Name”-Hostel
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Die Küche des No-Name-Hostels

Nachdem ich für die BMW ein paar Ersatzteile aus Deutschland bekomme und endlich einen ersehnten Service machen und ein paar Teile tauschen kann, habe ich mir anscheinend schon einen Namen gemacht: Ich werde angesprochen mit “Are you the famous guy driving the old BMW from Germany? Could you have a look at my motorbike?” — Ich darf damit noch eine Vespa aus indischer Produktion in Schuss bringen und an einer indischen Chopper eine hoffentlich heilende Hand anlegen.

Bei all dem Schrauber-Spaß finde ich die Menschen interessant, die ich kennen lerne. In Goa trifft man alle Arten von Kurz- und Langzeitreisenden, Backpacker, Fotografen, Künstler, Spirituelle, Gesellschafts-Dropouts und alles dazwischen — zusammen mit der Tatsache, dass es in Goa den “typischen Indienreisenden” nicht gibt, sind die Kontakte, die man knüpft, also durchaus interessant und inspirierend.

Ich lerne zum Beispiel Jasper aus Amsterdam kennen, der seit einem halben Jahr mit seiner Honda Transalp unterwegs ist, das Motorradfahren in Vietnam gelernt hat und nach eigenen Aussagen ohne viel Schraubererfahrung nach seinem Uni-Abschluss “einfach losgefahren” ist, in den Bergen Pakistans einige Abenteuer erlebt hat und extrem gut darin ist, Lagerfeuer zu machen.

Weiter ist da Kevin vom polnischen Teil der Insel Usedom, der ins No-Name-Hostel gekommen ist und sich kurzerhand entscheidet, sich dort zu engagieren, auf dem Feld hinter dem Hostel Bambushütten aufbaut und mit seiner Unterstützung im Social-Media-Auftritt das Zusammengehörigkeitsgefühl fördert.

Ich lerne Cosmo kennen, ein sehr kollegialer Italiener, der tätowieren kann und sich damit hin und wieder etwas dazu verdient, sich in Mumbai eine Vespa gekauft hat und damit jetzt eine Tour durch Südindien plant.

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Mit Cosmo, nachdem seine Vespa wieder rund läuft

Ich treffe Anu, ein Mädchen aus dem Norden Indiens, die sich gut mit ihrer Familie versteht, aber nun auf eigene Faust im Süden Indiens ist und anders als die meisten anderen fast keine Zeit mit ihrem Handy verbringt. Sie meint, für sie macht es keinen Sinn, so viel Kontakt mit Menschen zu halten, die physisch nicht in der Nähe sind. Irgendwie muss ich ihr Recht geben, zieht einen das Handy doch allzu oft aus der unmittelbaren Umgebung heraus.

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Abschied in Arambol
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Abschied in Arambol

Ohne hängen zu bleiben, aber nach genügend Entspannung für mich und auch das Motorrad fahre ich gemeinsam mit Jasper weiter nach Hampi ins Landesinnere. Die Tempel, Reisfelder und Felslandschaften sind genauso schön wie die Erzählungen und gemeinsam mit zwei anderen Motorradfahrern verbringen wir dort einige entspannte Tage.

 

Zurück über Goa geht es schließlich weiter in Richtung Süden, in den Bundesstaat Kerala. Von der Küste aus fahre ich etwas ins Landesinnere. Tropenwälder mit perfektem Asphalt sind eine willkommene Abwechslung zu den vollen, mit Speedbreakern gespickten Straßen an der Küste.

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Tropische Wälder zwischen Karnataka und Kerala

Auf dem Weg nach Kochi wird es langsam dunkel und es ist Zeit, mich nach einer Unterkunft umzuschauen. Etwas ganz Einfaches würde reichen — mein Bruder kommt mich am nächsten Tag besuchen und deshalb will ich am nächsten Morgen direkt weiterfahren. Ich komme an einer Feuerwache vorbei und frage dort kurzerhand nach — vielleicht kann mir ja dort jemand weiterhelfen oder sogar einen Platz für meinen Schlafsack anbieten. Natürlich errege ich Aufsehen mit meinem Motorrad und die ganze Mannschaft, die gerade in Bereitschaft ist, kommt nach draußen. Mein Motorrad wird begutachtet und mit der roten Royal Enfield verglichen, die mit vier Feuerlöschern beladen zwischen den Feuerwehrautos steht.

Ob ich spirituell sei, fragt mich einer. Ich denke schon — irgendwie ist ja jeder spirituell, besonders jemand, der nach Indien reist. Ich könne also in einem nahe gelegenem Ashram übernachten. Nachdem wir noch ein Gruppenfoto machen, werde ich persönlich abgeholt und zu einem Tempel gebracht, wo ich ein Privatzimmer und Abendessen bekomme. Kostenlos! Ich verspreche, der morgendlichen Zeremonie beizuwohnen. Am nächsten Morgen um 7:30 Uhr wird also unter ohrenbetäubendem Lärm von Glocken und Gongs ein Schrein auf einem Felsen offenbart, in dem ein Mönch neben einer geschmückten Statue sitzt und diese mit einer Flamme preist. Dieses Schauspiel wiederholt sich im unteren Teil des Tempels und danach gibt es noch ein Frühstück.

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An einer Feuerwache in Kerala

In Kochi angekommen, freue ich mich, meinen Bruder vom Flughafen abzuholen. Als ich ihn sehe, wird mir klar, dass ich nun doch schon einige Zeit unterwegs bin. Nicht, dass er sich so verändert hätte — eher der ganz unterschiedliche Eindruck, den ein vertrautes Gesicht auf einen macht und der beim Reisen ja sonst eher ausbleibt.

In Kochi bleiben wir nur eine Nacht und die hohe Luftfeuchtigkeit wirkt erdrückend. Auch, wenn man sich dreimal am Tag duscht, schwitzt man sofort wieder. Wir entscheiden uns also, eine Tour in die Berge um Munnar zu machen, welches für seine szenischen Landschaften mit Teeplantagen und wilde Elefanten bekannt ist. In schnellerem Tempo, als ich es gewohnt bin, besichtigen wir mit Kolonialbauten, Bergszenerien, Backwaters und Strand verschiedene Dinge, die Kerala zu bieten hat.

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