Die Route in den Süden und der Radfahrer

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Zusammen mit Praveer und “Doc” (dessen Spitznamen ich zunächst als ein gefährlicher klingendes “Dog” verstanden habe), zwei BMW-GS-Fahrern aus Delhi, mache ich mich auf den Weg in Richtung Südindien. Über die zentrale Route soll es über Hyderabad nach Gandikota und von dort aus für meine Gefährten noch weiter in den Süden, für mich an die Küste nach Goa gehen.

Ich bin froh, mit zwei einheimischen Motorradfahrern unterwegs zu sein. Zunächst mal zieht mein Motorrad weniger Aufmerksamkeit auf sich, wenn wir irgendwo anhalten. Das obligatorische “Kitne ki hai?”, die Frage nach Preis, Hubraum und Verbrauch wird dann meist an die Besitzer der viel moderneren Motorräder gerichtet und es ist auch etwas erleichternd zu erfahren, dass andere Motorradfahrer sich den gleichen Fragen stellen müssen und diese als genauso anstrengend empfinden. Die beiden haben ein Gespür dafür, an welchen Straßenrestaurants man das beste und frischeste Essen bekommt und ich bekomme aus erster Hand Infos zu den Regionen, die wir durchfahren.

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In Indien zu fahren ist so eine Sache: Wie auch in anderen östlichen Ländern ist die Fahrweise eine viel intuitivere, die Straßen sind voll und Verkehrsregeln scheinen erst mal nicht zu existieren. Dennoch scheint das Verkehrsgeschehen einer Art höheren Ordnung zu folgen und für die ganzen Fahrzeuge, Passanten und Tiere, die sich auf den Straßen tummeln, sieht man erstaunlich wenige Unfälle. Das erste Wort, dass einem dabei einfällt, ist “Vertrauen”: Die Vorstellung, ohnehin seinem Karma ausgeliefert zu sein und damit wird einem schon nichts passieren.

Wenn man sich fragt, wo die 1,3 Milliarden Inder alle sind, dann fällt die Antwort leichter, wenn man sich auf der Straße umschaut. Überall ist viel los, es wird beständig gehupt und die Aufmerksamkeit, die beim Fahren nötig ist, kann erst mal anstrengend und frustrierend sein. Kühe, Hunde und Ziegen kreuzen die Fahrbahn genauso seelenruhig wie Fußgänger, Eselskarren und Tuk-Tuks.

Ich werde öfter gefragt, wie ich das machen würde, “einfach so” in Indien zu fahren, ohne an den Verkehr wirklich gewöhnt zu sein. Mit Sicherheit muss einem das Fahren Spaß machen. Meist kommt man sehr flüssig voran, muss sich sogar flüssig bewegen, denn abrupte oder Bremsmanöver erwarten die anderen Verkehrsteilnehmer nicht. Fährt man auf dem Standstreifen, weil auf der Richtungsfahrbahn nichts mehr geht, wird man genauso wenig schräg angeschaut, wie wenn man sich im Gegenverkehr voran tastet. Es wird extrem viel gehupt, was aber meist nur zur Untermalung der eigenen Präsenz und weniger zum Ausdruck von feindseligen Gefühlen gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern zu verstehen ist. Man muss auf alles gefasst sein und darf dabei doch sein Vertrauen nicht verlieren, sonst käme man nicht voran.

Der Highway, der Delhi mit Hyderabad und Bangalore verbindet, ist in weiten Teilen perfekt ausgebaut und so sind wir in drei Tagen in Gandikota angekommen. Dort befindet sich der “Grand Canyon Indiens”, eine abgelegene Schlucht, an der eine Festung errichtet ist. Wir können auf einer Felsebene direkt an der Schlucht zelten.

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Blick in die Gandikota-Schlucht, der “Grand Canyon Indiens”
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Frühstück in Gandikota. Wir bestellen Dosa (indische Pfannkuchen) und Masala Chai (Tee mit Milch und Gewürzen). Es ist mein bisher schärfstes Frühstück in Indien. Serviert wird das Ganze von einem Mädchen in Schuluniform, die sich danach auf den Weg in die Schule macht

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Nach einer kleinen Wanderung durch die Festung und entlang der Schlucht trennen sich unsere Wege und ich fahre in Richtung Westküste. Mit nun schon mehr als 3000 km auf indischen Straßen habe ich es fast geschafft und bin ohne wirkliche Zwischenfälle bis nach Goa gefahren! Kurz vor meinem Ziel soll es aber doch passieren: Ein unachtsamer Radfahrer fährt plötzlich mitten auf die Landstraße. Ich hatte den Jungen gesehen, er mich anscheinend auch, da er in meine Richtung schaut. Kurz, bevor ich auf seiner Höhe bin, kommt er vom Straßenrand auf die Fahrbahn, vielleicht will er umkehren. Ich bin bereits in der Fahrbahnmitte, bin ihm schon viel zu nahe und es bleibt weder Zeit, zu hupen noch zu bremsen, bevor ich ihn am Gepäckträger erwische. Ich sehe mein Motorrad wie in Zeitlupe vor mir über die Fahrbahn rutschen. Warum musste das denn passieren, ist das jetzt mein Karma? Ich stehe auf, laufe zurück zu dem Jungen. Er ist bei Bewusstsein, neben ihm stehen schon zwei, die ihn aufrecht halten, ihm etwas zu trinken geben. Ich sage, dass es besser ist, ihn hinzulegen, es war doch ein größerer Zusammenprall und vielleicht hat er etwas gebrochen. Einer meint, ich solle mir keine Gedanken machen — neben uns hat bereits ein Auto angehalten, das ihn in ein Krankenhaus bringen würde. Innerhalb weniger Minuten sind bereits ein Dutzend Passanten um mein Motorrad versammelt, ich frage mich wieder, wo die außerhalb des Dorfes so schnell alle herkommen können. Diejenigen, die zuerst da sind, scheuchen weitere Passanten sogar weg. Die meisten schauen nur, manche fragen mich, ob ich verletzt sei, ob ich Hilfe mit dem Motorrad brauche. Ich biege das Motorrad hier und da wieder gerade und bringe die abgerissenen Koffer an. Da die Frontverkleidung sehr kaputt ausschaut und aus den meisten Halterungen gerissen ist, lasse ich sie kurzerhand mit dem Plastikmüll im Straßengraben liegen.

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Ich bin froh, dass ich Schutzkleidung anhatte, augenscheinlich habe ich nichts gebrochen. Ich fahre in die nächstgrößere Stadt, nach Bellary, um mich mit hoffentlich ordentlicher medizinischer Versorgung durchchecken zu lassen. Ein weiteres Mal ist die Whatsapp-Gruppe, in der ich bin, Gold wert. Nachdem einer dort von meinem Unfall schreibt, bekomme ich viele Anrufe und sofort findet sich jemand, der mich im Krankenhaus und mit dem Motorrad unterstützen kann. Er ist mit dem Manager einer Honda-Werkstatt befreundet, wo ich am nächsten Tag die beschädigte Front der BMW reparieren kann. Damit ich selbst schrauben darf, sage ich kurzerhand, dass ich selbst Mechaniker in Deutschland bin. Natürlich sorgt die R100 für Aufsehen in der Werkstatt und ich bekomme direkt einen eifrigen Mechaniker an die Hand.

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In einer Werkstatt in Bellary kann ich die BMW reparieren
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Nach 16 000 km ist es geschafft: Angekommen im tropischen Goa

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Nachtrag:

Nach gut drei Wochen bin ich zurück in Karnataka, in Hampi, und damit nicht zu weit vom vorherigen Unfallort entfernt. Ich habe in der Zwischenzeit einen Mechaniker gefunden, der meinen Tank ausgebeult hat und sagt, wenn ich die Frontverkleidung noch hätte, könne er sie sicher reparieren. Ich beschließe also, noch einmal zum Unfallort zurück zu fahren — vielleicht kann ich das kaputte Verkleidungsteil noch finden.

Und siehe da: Auf das fehlende indische Abfallmanagement ist Verlass und tatsächlich liegt die Kanzel noch an der selben Stelle im Graben. Vielmehr aber lohnt sich die Fahrt aus einem anderen Grund: Ich hatte mich in der Zwischenzeit gefragt, wie es dem Jungen geht. Leider habe ich dort mit niemandem Nummern ausgetauscht, bei einem Anruf im nächstgelegenen Krankenhaus konnte mir niemand weiterhelfen. Als ich zurück am Unfallort bin, treffe ich auf drei Männer am Straßenrand. Sie sagen, sie kommen aus dem anliegenden Dorf und scheinen sofort zu verstehen, als ich den Grund meiner Anwesenheit schildere.

Können sie denn etwas sagen, wie es dem Jungen geht? Einer wackelt mit dem Kopf. Wie ist das jetzt zu verstehen? Ich versuche, diese verwirrend universelle, indische Geste zu verbalisieren und frage “So, the boy is doing fine?” — “Yes, he is fine.” Es scheint ihm also grundsätzlich gut zu gehen. Was für eine Erleichterung!

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