Indien

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Am 18. Dezember und nach gut 12.000 km ist es soweit: Ich fahre in das zehnte Land meiner Reise, nach Indien. Im pakistanischen Wahga beginnen die Vorbereitungen für die tägliche Schließungszeremonie bereits um 15 Uhr und damit ist die Grenze für Zivilisten nicht mehr passierbar. Ich schaffe es an diesem Nachmittag gerade noch so über die Grenze. “But now, you must hurry!” sagt ein Pakistani zu mir, der mit der Bürokratie geholfen hat, um mir danach seinen Geldwechselservice anzubieten. Nachdem Pass und Carnet-Dokument abgestempelt sind, passiere ich die bislang schönste Grenze meiner Reise. Auf beiden Seiten sind Tribünen errichtet, die sich jeden Nachmittag für eine einmalige Grenzschließungszeremonie füllen. Etwa für eine halbe Stunde marschieren Soldaten dabei in Hahn-ähnlichen Uniformen im Stechschritt aufeinander zu und voneinander weg, salutieren immer wieder und schlagen die Tore auf beiden Seiten mehrmals, bevor die Flaggen eingeholt und die Tore dann endgültig geschlossen werden. Untermalt wird das Ganze von Musik und Jubelgesängen auf beiden Seiten, so laut, dass man von der jeweils anderen Seite kaum etwas hören kann. Vordergründig hat diese Zeremonie zunächst einen Unterhaltungscharakter und wirkt auf den Außenstehenden allzu komisch. Dahinter steckt größter Nationalstolz zweier Länder, die sich vor 70 Jahren voneinander getrennt haben und deren politisches Verhältnis angespannt bleibt.

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Blick von Pakistan nach Indien während der täglichen Grenzschließungszeremonie

Auf der indischen Seite angekommen, scheint die Zeremonie bereits zu beginnen, es wird Musik gespielt, auf der Straße zwischen den Tribünen ist viel los und drei Mädels tänzeln mit Indien-Flaggen auf der Straße und um mich herum, während ich die ersten Meter in der größten Demokratie der Welt rolle. Durchaus ein emotionaler Moment! Deutschland nach Indien, ich habe es also geschafft.

Der indische Zoll nimmt es genauer, als ich es gewohnt bin und will in all meine Taschen schauen. Dennoch löst sich der kritische Blick des Beamten schnell in ein Lächeln auf, als er meinen Schlafsack, Werkzeug und Ersatzteile sieht. “Ok. You may go. Welcome to India!”

Als erstes fahre ich Amritsar an, die Stadt mit dem Goldenen Tempel der Sikh, einer Religion aus dem Punjab. Um diesen Tempel sind extrem viele Pilger und auch einige internationale Gäste zu sehen. Unabhängig von deren Religion werden allen Besuchern Betten und vegetarische Mahlzeiten angeboten, kostenlos. Indische Gastfreundlichkeit bislang: 10/10!

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Einer der Eingänge zum Goldenen Tempel in Amritsar

Von hier aus ist es nicht mehr weit in die Himalaya- und Kashmir-Region. Da es im Norden Indiens wie auch in Pakistan bereits Winter geworden ist, fällt die Entscheidung jedoch nicht schwer, relativ zügig nach Delhi und von dort aus in Richtung Süden weiterzufahren.

In Chandigarh angekommen, hat mein GPS hat ein Studentenwohnheim auf einem Uni-Campus als “Hostel” ausgezeichnet. Dort komme ich mit zwei Studenten ins Gespräch, die in den Semesterferien gerade ein Praktikum bei einem IT-Startup absolvieren und deshalb im sonst relativ leeren Studentenwohnheim wohnen. Sie bieten mir ein leeres Zimmer eines Freundes an und wir essen gemeinsam zu Abend. Die beiden scheinen interessiert an meiner Geschichte und arbeiten bald in Indiens bedeutendem IT-Sektor, einer für die Deutsche Bank und einer für eine Beratungsfirma. Sie erfüllen damit so ziemlich das Klischeebild indischer Studenten im Westen und wir kommen auf die Kultur zu sprechen. Vorsichtig frage ich über ihren Heiratsstatus nach. Sie meinen, dass man in Indien typischerweise zwischen 25 und 30 Jahren heiratet und wie auch in muslimischen Ländern arrangierte Ehen vor allem in traditionelleren Familien Praxis ist. Einer der beiden kommt aus einer solchen Familie und meint, dass seine Eltern wohl bald mit einem Vorschlag für ihn aufwarten würden. Sein Freund scherzt, dass das wahrscheinlich nicht leicht für ihn werden würde, da er bei Frauen eher wählerisch sei.

Am nächsten Morgen komme ich an mein Motorrad und auf dem Zaun daneben sitzen zwei Männer, die mich interessiert beobachten. Ich baue die Halterung für mein GPS um, da mein eigentliches Navi mit “weltweiten” Karten in Indien nun wieder funktioniert. Innerhalb kürzester Zeit erlebe ich ein Spektakel, an das man sich in Indien gewöhnen muss: Es sammeln sich ungefähr 20 Leute um mich herum und ich frage mich, wo die in so kurzer Zeit alle herkommen können. Noch so früh am Morgen etwas genervt von den ganzen Beobachtern beschränke ich die nötige Arbeit auf ein Minimum. Das ist wohl der berühmte “Kulturschock”: Fremde Menschen bleiben neben mir stehen, schauen mich an, solange ich auch immer dort bleibe, wollen meine Hand schütteln. Auch, wenn gerade etwas am Motorrad repariert werden muss oder ich mit der Routenplanung beschäftigt bin, scheint das wichtigste Thema zu sein, wo ich herkomme und ob ich den ganzen Weg gefahren sei. In der westlichen Welt würde man dieses Verhalten als grob oder aufdringlich interpretieren. Da der unbewusste Teil des Hirns viel schneller funktioniert als das Bewusstsein, werde ich mich immer daran erinnern müssen, dass es sich dabei schlicht um Interesse in Reinform handelt. Natürlich machen wir noch ein Foto zusammen, bevor ich mich von der “Crowd” verabschiede.

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Gemeinschaftsfoto am Morgen in Chandigarh. Aufgrund verschiedener Stressoren (Europäer, ausländisches Motorrad, technische Ausrüstung) dauert es auch in Indien nicht lange, bis sich Spektanten um einen versammeln

Später komme ich schließlich in Delhi an, das in diesen Tagen etwas versmogt ist. Die R100 erreicht bald ihr Serviceintervall und ich schlage als erstes bei einem BMW-Motorrad-Händler auf, um dort die Verfügbarkeit von Wartungsteilen auszuloten. Seit Istanbul ist das der erste BMW-Händer, den ich sehe und ein bisschen fühlt es sich wie Nachhausekommen an, vor dem Showroom nach perfekter Corporate Identity zu parken. Ich unterhalte mich etwas mit dem Verkaufsmanager, wir machen Fotos, die direkt auf seiner Facebook-Seite verlinkt werden. Für den nächsten Morgen gibt er mir die Adresse seiner Werkstatt.

BMW Motorrad hat seine Präsenz in Indien erst ausgebaut und konzentriert sich vor allem auf einige der letzten Modelle. Deshalb kann mir der Händler nicht mal Zündkerzen für die BMW anbieten und eine Bestellung von Teilen aus Deutschland würde viel länger dauern als die paar Tage, die ich in Delhi bleiben kann. Der Aufenthalt lohnt sich aber trotzdem, da ich dort einen Inder kennen lerne, der seine Maschine zum Service vorbeibringt und mich kurzerhand zu einem Netzwerk von überwiegend BMW-Fahrern über ganz Indien hinzufügt. In der “Adventure-Riders”-Whatsapp-Gruppe werde ich herzlich begrüßt und lerne direkt zwei GS-Fahrer kennen, die von Delhi aus nach Weihnachten in den Süden fahren und mir anbieten, mitzukommen. Die Route nach Goa, wo ich für Silvester sein möchte, steht also.

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Feels like home: In der BMW-Werkstatt in Delhi

 

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Normale Verkehrssituation in Delhi. Fahrspuren gibt es so viele wie Fahrzeugbreiten und damit steht man auch mit dem Motorrad im Stau
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Neeraj und seine Royal Enfield “Rudra” in Jaipur
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Der Goldene Tempel in Amritsar ist auf einer Insel von angenommen heiligem Wasser umgeben. Vor Sonnenaufgang wird das Goldene Buch über den einzigen Zugang in den Tempel gebracht
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Durchgang zum Taj Mahal in Agra. Schon der erste Blick auf das eigentliche Mausoleum ist beeindruckend und bereits früh am Morgen drängen viele Besucher dorthin

 

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