Über die Grenze vom Iran nach Pakistan

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Nach einer Nacht in Bam fahre ich weiter nach Zahedan und komme damit im iranischen Teil von Belutschistan an. Auch, wenn es im Winter im Südosten Irans tagsüber meist sonnig und eher warm ist, fallen die Temperaturen nachts bis unter Null Grad. Als ich in Zahedan ankomme, ist es dunkel und ich warte vor einer LKW-Vertriebsstelle auf meinen Gastgeber Mehran, mit dem ich mich verabredet habe. Ich wärme mir die Hände an den Zylinderköpfen der BMW und werde sogleich von jemandem nach drinnen gebeten. Im Büro des Verkaufsleiters bekomme ich Tee und wir tauschen uns etwas aus. Auffällig ist die Kleidung der Männer mit lockeren Stoffhosen und gleichfarbigen, knielangen Hemden, typisch für Belutschistan. Ein weiteres Mal erfahre ich viel Gastfreundlichkeit — die Männer scheinen sich zu freuen, mir Tee zu servieren und ich werde gefragt, ob ich schon einen Schlafplatz habe. Hätte ich nicht gesagt, dass ich bereits jemanden hier kenne, hätten mich die Männer wahrscheinlich zu sich nach Hause eingeladen.

Mit zwei Schwestern von Mehran gehe ich auf ein lokales Konzert und bin froh, dass ich in Zahedan noch einen Zwischenstopp eingelegt habe. Laut einschlägiger Reiseinformationsseiten sei Zahedan ein heißes Pflaster, ein Drogenumschlagplatz, den man lieber meiden solle. Demgegenüber steht meine Erfahrung: Ich bekomme hier ein Kulturprogramm, gutes Essen und lerne eine nette Familie kennen. Sicher hilft es dabei, dass ich mich mit Einheimischen aufhalte.

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Mit Mehran und seiner Familie in Zahedan

Am nächsten Morgen verabschiede ich mich von Mehran, der mir vom Hausmeister ausrichtet, dass einige Leute Fotos mit meiner BMW in der Tiefgarage gemacht haben. Mein Gastgeber begleitet mich noch zur nächsten Tankstelle und besteht sogar darauf, mir meine letzte Tankfüllung im Iran zu bezahlen. Im Sonnenschein mache ich mich auf den Weg in Richtung Grenze und 50 km vorher passiert etwas: Es kommt ein Bahnübergang, dessen Beschaffenheit ich zu spät erkenne, die Gleise stehen nämlich deutlich über die Fahrbahn über. Ich kann noch etwas bremsen, rolle aber noch eher zügig über die Gleise. Das gibt einen ordentlichen Schlag ins Fahrwerk und hinter mir höre ich Schleifgeräusche: Es hat mir beide Koffer samt Halterungen abgerissen. Na toll, und das am frühen Nachmittag, nicht lange, bevor die Grenze angeblich schließt. Ich spiele verschiedene Lösungen des Problems durch: Die Koffer und einen Teil des Inhaltes zurücklassen, sie irgendwie aufs Motorrad schnallen. Ich erinnere mich daran, dass man mit Kabelbindern und Panzertape fast alles reparieren kann und tape die Kofferhalter also wieder an die abgerissenen Halterungen, während ich die Vollbremsungen nachfolgender Fahrzeuge vor den Gleisen anhöre und danach häufig angehupt werde — meist nur, um mit einem “Hello!” und Hand aus dem Fenster gegrüßt zu werden. Alle schweren Sachen in den Koffern lade ich um und siehe da, die McGyver-Lösung hält erst mal.

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Fast besser als neu: die reparierten Kofferhalter

Damit geht es weiter Richtung Grenze und über einen letzten Militärcheckpoint, bei dem ich nicht weiterfahren darf. “You have to wait for an escort.” — “But I heard the border closes at two.” — “Don’t worry. Not for tourists. The escort will be here soon.” Nach einer Stunde warten und etwas Smalltalk mit den Soldaten mit Hilfe von Google Translate kommt dann auch meine Eskorte: Vor mir ein Geländemotorrad mit zwei bewaffneten Soldaten, dazwischen ich und hinter mir ein Pickup mit weiteren Soldaten drauf. Ich komme mir wie jemand sehr wichtiges vor und als ich schließlich das Grenztor passiere, wird mir freundlich zugewunken. Die Formalitäten gehen dann recht schnell und nach ein paar Selfies mit Leuten, die nicht unbedingt zu den bürokratischen Notwendigkeiten beitragen, aber trotzdem irgendwie da sind, habe ich es geschafft und bin in Pakistan. Sogleich werde ich von einem Moped eskortiert, dass mich über einen Busbahnhof, der voll mit Menschen und Gepäck ist und chaotisch wirkt, direkt in die Polizeiwache von Taftan bringt. “Tonight, you sleep here. Tomorrow morning, escort to Quetta.” Wieder werden Kopien meines Passes gemacht und meine Daten in ein Buch eingetragen.

Zusammen mit Simon, einem Motorradfahrer aus Dänemark, der mit einer KTM in die gleiche Richtung unterwegs ist, werden wir am nächsten Morgen von einigen “Levies” abgeholt. Die Levies sind eine paramilitärische Gruppe, welche Touristen durch Belutschistan begleiten. DIese Sicherheitsmaßnahme wurde von Pakistan beschlossen, nachdem es in diesem Gebiet vor einigen Jahren Überfälle und Entführungen gegeben hat, und ist für Reisende kostenlos. Zusätzlich dazu gibt es entlang der Route eine Vielzahl von Checkpoints, welche abwechselnd durch verschiedene Militärgruppen und die Polizei betrieben werden. Das heißt also alle paar Kilometer anhalten, in ein Buch eintragen, Selfies mit den Pakistanis machen, einen Tee angeboten bekommen, ggf. auf die Ablöse der Eskorte warten, weiterfahren.

Mit dem Pickup voran geht es mal langsamer, mal zügiger in zwei Tagen bis nach Quetta, der Hauptstadt Belutschistans. Dort angekommen, werden wir in ein Hotel gebracht und dürfen Essen und Sachen aus dem Markt nur über die Rezeption ordern, haben also praktisch Hausarrest. Am nächsten Tag werden wir zur Polizeiwache eskortiert, wo wir uns ein NOC (No-Objection Certificate) ausstellen lassen, welches bescheinigt, dass wir ohne politische Absichten reisen und zur Weiterfahrt benötigt wird.

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Levies an einem der vielen Checkpoints

 

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Eskorte in Quetta
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Tanken in Belutschistan: Das Benzin ist wahrscheinlich aus dem Iran geschmuggelt, der Literpreis verhandelbar

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Besonders auffällig sind Pakistans aufwändig verzierte LKW, die tagsüber wie Zirkuswagen, nachts wie Minidiscos anmuten

 

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