Erste Eindrücke im Iran

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Mein Plan, in den Iran überzusetzen, verschiebt sich aufgrund eines geschlossenen Bergpasses vor Dogubeyazit um einen Tag. Was ist schon ein Tag auf einer mehrmonatigen Reise? Dementsprechend entspannt fahre ich also zum Serow-Grenzübergang, dem südlichsten Grenzübergang zwischen der Türkei und dem Iran. Auf dem Weg dorthin komme ich vorbei an Bergpanoramen und muss durch einige Polizei- und Militärkontrollpunkte. Als Motorradreisender werde ich weiter im Osten zunehmend als Exot wahrgenommen und viele der Beamten scheinen sich zu freuen, mich zu sehen. Zwei Soldaten unterhalten sich etwas mit mir und dass sich hinter mir schon eine Autoschlange bildet, scheint sie wenig zu stören. Die Fragen ähneln sich — wo ich herkomme, in welche Länder ich noch fahren wolle, wie lange ich schon unterwegs sei, wie mir die Türkei gefalle, was ich beruflich mache. Ich habe bei VW gearbeitet und fahre eine BMW? Das würde aber nicht zusammenpassen. Bei einem weiteren Kontrollpunkt kommt ein Soldat in martialischer Weise auf mich zu und fragt mich, ob ich türkisch spreche, was ich verneinen muss. Im digitalen Zeitalter weiß er sich aber zu helfen und benutzt die Übersetzung seines Smartphones, um mich zu fragen, ob ich geschäftlich oder als Tourist unterwegs sei. Die Antwort fällt mir in meiner Motorradmontur leicht und so darf ich schließlich weiter zur iranischen Grenze fahren.

Dort angekommen, stellt sich ein Iraner bei mir vor und bietet mir sogleich Hilfe mit den ganzen Formalitäten an. Er sagt, dass er nichts dafür haben möchte, sich einfach nur freue, dass ich in sein Land kommen würde. Das klingt nett, mein Pass wird abgestempelt und während ich auf mein Carnet-Dokument warten muss, bringt mir einer der Soldaten noch einen Tee. Schließlich darf ich also in den Iran fahren und klischeehaft kommen mir direkt einige verbeulte Paykans entgegen. Die Fahrweise wirkt bislang etwas abenteuerlicher und ich tausche die Scheinwerferbirne, die mir vorher durchgebrannt ist, besser aus. An der ersten Tankstelle nach der Grenze tanke ich auch gleich voll, im Vergleich zur Türkei ist das Benzin lächerlich günstig — für umgerechnet fünf Euro bekommt die BMW gut 22 Liter Sprit. Benzin kostet ungefähr 20 Cent pro Liter, edleres Superbenzin 24 Cent, Diesel und Erdgas sind noch günstiger. Willkommen im Land voller brennbarer Bodenschätze!

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Paykan, ein sehr populäres Automodell im Iran

Mit westlich-naivem Mindset fahre ich nach Tabris: Da es Samstagabend ist, gehe ich davon aus, dass man heute mit Sicherheit etwas unternehmen kann. Doch nichts da, im Iran ist das Wochenende bereits Donnerstag und Freitag, wobei an ersterem Tag normalerweise noch gearbeitet wird. Auch Donnerstag-(also “Samstag”)abends gibt es keine wirkliche Ausgehkultur, aufgrund des bekannten Alkoholverbots und der Beschränkung öffentlich gespielter Musik auf traditionelle, persische Stücke trifft man sich in Cafés oder verbringt die Abende mit Freunden zuhause. Darüber hinaus gibt es im Iran einen eigenen Kalender, der aktuell das Jahr 1396 zählt und im März beginnt.

Ein tieferes Verständnis für die persische Kultur bekomme ich beim ersten Gespräch mit meinen Gastgebern in Tabris, ein junges Ehepaar. Die Frau hat ihre Leidenschaft fürs Reisen entdeckt, ihr Mann kann sie leider nicht begleiten, da er, solange er nicht beim iranischen Militär war, keinen Reisepass bekommt. Sie muss also mit einer Freundin oder alleine reisen — durchaus unüblich für ein muslimisches Land und möglich mit liberalem Ehemann — und hat ihren Eltern deshalb im letzten Jahr erst dann von ihren konkreten Plänen, nach Georgien zu reisen erzählen können, als sie gerade schon im Ausland war.

Zu der Gewissheit, dass ich nun in einem anderen Land angekommen bin, tragen auch die äußerlichen Eindrücke bei: Bei meinen Gastgebern trinken wir Tee in einem großen Wohnzimmer mit schönen Teppichen und prunkvollen Stühlen, typisch für persische Wohnungen. Frauen sind zuhause in “normaler” Kleidung, auf der Straße aber nur verschleiert zu sehen. Die kultivierte Gastfreundlichkeit, die ich in der Türkei schon erlebt habe, scheint noch übertroffen zu werden: An der ersten Mautstelle, an die ich nach einer Brücke bei Urmia komme, werde ich durchgewunken mit den Worten “Welcome to Iran! No charge, it’s free for you!”. Am darauffolgenden Tag bin ich in Tabris, dort begleitet mich ein Iraner durch die halbe Stadt, um eine SIM-Karte zu besorgen. Er hat einige Jahre in Großbritannien gelebt, freut sich, sich mit mir austauschen zu können.

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Abendessen in Tabris
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Shahguli-Park
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Kabud-Moschee

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