“Wo schläfst du eigentlich?”

Eine naheliegende und berechtigte Frage, die mir öfter gestellt wurde, ist die nach der Unterkunft. Meine Großtante, die ich kurz nach der Abreise noch besucht habe, wollte erfahren, wie ich das bei meiner Reise mache und ob ich für jeden Tag Hotels gebucht hätte. Dank Internet und zugunsten der eigenen Flexibilität ist das allerdings nicht nötig.

Wenn es geht, dann nutze ich Couchsurfing, eine Art Gastfreundschaftsnetzwerk, welches man nach der Erstellung eines Profils sowohl als Gastgeber als auch als Reisender nutzen kann. Für mich ist das eine hervorragende Möglichkeit, mit Locals in Kontakt zu kommen, etwas mehr über das Land zu erfahren, Tipps aus erster Hand zu bekommen und tiefer in die Kultur einzutauchen, als man es normalerweise bei der Übernachtung in kommerziellen Unterkünften tut. Hostels, Gasthäuser oder Airbnb nehme ich daher als Plan B.

Darüber hinaus schont Couchsurfing die Reisekasse — freie Zimmer, Betten oder Sofas werden nämlich grundsätzlich kostenlos angeboten. Doch was hat der Gastgeber davon? Viele sagen, dass es für sie eine Art Reisen ist, ohne zu reisen: Man kann sich mit einem anderen Kulturkreis austauschen, lernt neue Leute kennen, kann etwas gemeinsam unternehmen. Im Anschluss haben sowohl Gastgeber als auch der Couchsurfer die Möglichkeit, eine Referenz für den anderen zu hinterlassen — als Gastgeber erhöht man damit die Chance, durch den Aufbau eines vertrauenswürdigen Profils auch selbst bei anderen aufgenommen zu werden. Fast ausnahmslos habe ich bisher erwartungsübertreffende Erfahrungen gemacht: ich bin bekocht worden, habe Stadtführungen bekommen, bin dem Freundeskreis vorgestellt worden. Im Gegenzug versuche ich, auch etwas beizutragen, Erfahrungen auszutauschen, auch für den oder die Anderen zu kochen. Besonders kurzweilig wird es, wenn der Gastgeber mehr Platz hat und gleichzeitig mehrere Couchsurfer in seiner Wohnung aufnimmt. So lernt man Fahrrad- und Rucksackreisende, Reisende per Anhalter, Volontäre kennen. Um das ständige Reisen nicht zu anstrengend werden zu lassen und da sich der Gastgeber darüber freut, nehme ich mir etwas mehr Zeit und verbringe meist mehrere Tage an einem Ort. Wir unterhalten uns und ein Abschied fällt dann manchmal schwer — häufig werde ich gefragt, ob ich nicht noch etwas länger bleiben möchte.

Aktuell bin ich in Van kurz vor der iranischen Grenze bei einem türkischen Paar, beide Mitte Zwanzig. Sie arbeiten als Englischlehrer und IT-Lehrerin und wollen, nachdem sie etwas gespart haben, selbst reisen. Gleichzeitig haben sie noch zwei französische Fahrradreisende aufgenommen, die nach ihrem Ziel Iran nun auf dem Rückweg sind. Die Gastgeberin ist eine begnadete Köchin und man wird mehrmals täglich mit türkischen Gerichten verwöhnt. Aus geplanten zwei sind deshalb ganz leicht drei Tage geworden.

Bei meinem letzten Couchsurfing-Gastgeber in einer Stadt namens Batman bin ich auch drei Tage geblieben. Er arbeitet dort in einer Schule als Religions- und Ethiklehrer, hat mich einen Tag mit in die Schule genommen, dem Direktor, seinen Kollegen und seiner Klasse vorgestellt. Am Wochenende haben wir einen Tag in Hasankeyf verbracht, eine Siedlung am Tigris mit einer antiken Festung, die bis auf die Römerzeit zurückgeht und wahrscheinlich in ein paar Jahren überschwemmt werden wird — höchste Zeit also, sie zu besichtigen. Ein Freund von ihm hat dort eine Art Freizeitsitz, dort haben wir türkisch gefrühstückt, Granatäpfel und Kakis geerntet und danach die Festung bestiegen.

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Frühstück in Hasankeyf
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Tee (Çay) und Kuchen bei meinen Gastgebern in Batman

 

Grundsätzlich reise ich ja alleine, habe aber die Erfahrung gemacht, dass man nie so wirklich alleine ist, wenn man das nicht unbedingt möchte. Im Gegenteil tritt man so, auch gezwungenermaßen, leichter mit Menschen in Kontakt: Entweder gibt es gleichgesinnte Reisende oder Menschen vor Ort, die daran interessiert sind, woher man kommt, was man hier macht und über die Leute und Kultur hier denkt. Fährt man wie in meinem Fall in Richtung Osten, so fällt man ab der Türkei als Mitteleuropäer auf und wird von ganz alleine angesprochen.

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